Originelles

von und mit Gauck

 

16 Jahre deutsche Einheit- wie viel Einheit? Zu dieser Frage lieferte Joachim Gauck, Gründungschef und Namensgeber jener Bundesbehörde mit dem langen Namen und den endlosen Aktenschränken, am 2. November im Hoppegartener Haus der Generationen eine höchst interessante Alleinunterhaltung ab, so tiefsinnig und treffsicher, dass sie Till Eulenspiegel alle Ehre gemacht hätte. Der kann so was, der ehemalige Pfarrer aus Rostock.

 

Wir haben zumindest noch immer zwei Identitäten in unserem vereinigten Land“, meinte Gauck. „Die Denk- und Verhaltensweisen östlicher und westlicher Prägung verblassen weit langsamer, als wir vordem angenommen hatten, was die gemeinsame Identität ebenfalls nur sehr schleppend wachsen lässt. . .

Wir im Osten wählen anders als die im Westen. Wir wählen viel weniger nach den im Westen gewohnten Mustern rechts oder links, schwarz, grün, gelb oder rot . Man wählt viel häufiger zwischen vertraut oder fremd. . . Noch immer hat es deshalb  bei uns selbst ein Vertreter des ehemaligen Establishment leichter, gewählt zu werden, als ein kluger und erfahrener Demokrat aus dem Westen. . .

Wir im Osten schätzen vor allem materielle Sicherheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die im Westen schätzen vor allem die Freiheit, ehe sie an die anderen Werte denken. Beiden ist allerdings gemeinsam, dass sie die Wahrung des Besitzstandes für das Wichtigste halten. . .

 

Die Wessis wissen meist, wie es geht. Wir im Osten hingegen wählen nicht selten mit dem Bauch, mit dem Gefühl. . . Wir sind nicht nur das, was wir denken, wir sind das, was wir empfinden. Und, obwohl die wenigsten den alten Mief wieder haben wollen, schleppen sie nicht selten  noch einen Zopf alter Gewohnheiten mit sich herum. Dazu gehört es z. B. aus gewohnter Unmündigkeit zu schweigen, Ohnmacht und Selbstzensur zu üben, wo Mitwirkung angesagt ist. . .“

 

Gauck fragt, ob man das los wird. „Ja, aber nicht auf Kommando! . . .Wie nennt man solche Leute wie uns? Der Einfachheit halber Ossis, weil uns nichts anderes eingefallen ist. . . Nun kann man sich gegen dieses Image wehren. Nur, eingeübte Denk- und Verhaltensmuster sind halt zäh. Wir müssen dranbleiben, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. . . Wir im Osten sind eine in der Demokratie noch ungeübte Gesellschaft. Da ist noch viel zu tun, auch wenn uns die Neigung der Wessis, Zensuren zu geben, oft nervt und verletzt. . .“

 

Das Reizthema solcher Gesprächsrunden, die Ungleichbehandlung der Bürger im Osten, wurde hier zwar tunlichst vermieden. Es war ja auch keine Gesprächsrunde, sondern ein Vortrag, wenn auch ein sehr anregender und interessanter, für den wir Joachim Gauck und unserem SU- Freund Peter Bekendorf sehr dankbar sind, der diese Begegnung zu Stande gebracht hat.

 

Hoppegarten, 02. November 2006

Manfred Leitner