Sehr geehrter Herr Dr. Donath,

 

mit Interesse lese ich in jeder Ausgabe Ihren achtbaren Kommentar auf der Titelseite, in dem Sie kritisch aktuelle Themen und Streitpunkte aufgreifen. Das bringt mich auf die Idee, Ihnen meine Ansicht zu einem aktuellen Thema aufzuschreiben.

Als langjähriger Journalist und Autor, der sich aus dem Arbeitsleben von Berlin nach Fredersdorf zurückgezogen hat, schreibe ich (neben  ab und zu einem Buch „Essen wie Erich“, „Generation Fussnote“…), vor allem, wenn mich etwas aufregt oder erzürnt, Feuilletons,  Betrachtungen und Satiren, die allerdings  in Stapeln auf meiner Festplatte schmoren.

Falls es Interesse gibt, würde ich Ihnen ein paar Kostproben senden.

 

Heute nur meinen Leserbrief  zu einem Thema, zu dem mich jüngst der Auftritt von Dr. Hubertus Knabe im Fernsehen sehr geärgert hat. Aber lesen Sie, bitte, selbst…

 

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Taubert

19. Juni 2009

Tel. 033439 15365

klaus-taubert@t-online.de

 

 

 

Das Unrecht hatte eine Grenze – im doppelten Sinn

 

Aus unerfindlichen Gründen langweilt in Talkshows derzeit der Streit, ob denn die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Ein Rechtsstaat kommt für die DDR offensichtlich gar nicht erst in Frage, weil das ohnehin kein guter Deutscher will. Der gemeine Ossi bekommt wieder einmal sein altes System aufs Brot geschmiert, damit er weiß, wie er demnächst zu wählen hat.

Auf die Frage, ob es im Nachhinein nicht peinlich ist, dass die alte Bundesrepublik über Jahrzehnte einen Unrechtsstaat hofiert hat, kommt niemand. Vergessen, dass ihre politischen Würdenträger bei Diktator Honecker sich die Klinke in die Hand gaben, dass von der Schweinelende bis zur Wohnzimmercouch im Osten spottbillig erworbene Spitzenwaren an die westdeutschen Bürger teuer verhökert wurden, dass der DDR Hunderte Millionen Überziehungskredite und Milliarden fürs Überleben gewährten wurden und, und, und…? Wie auch immer, die DDR war ein lupenreiner Unrechtsstaat, so wie die damalige Bundesrepublik ein lupenreiner Rechtsstaat war. Daran sollte man gar nicht erst zweifeln lassen!

Ich würde es ein klein wenig anders sehen. Die Bürger der DDR haben im Herbst 1989 ohne fremde Hilfe ein feudalsozialistisches System gestürzt, jahrelang praktiziertes Unrecht  beseitigt und eine demokratische Rechtsordnung bis hin zum Streikrecht, zu Meinungs-, Rede-,  Versammlungs- und Reisefreiheit eingeführt. Sie haben die Ein-Parteien-Diktatur der SED zugunsten demokratisch gewählter Körperschaften zerschlagen, ein unmenschlichen Grenzregimes beseitigt und einen widerrechtlich agierenden, unkontrollierten Geheimdienstes aufgelöst. In allen Bereichen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens vollzog sich in beispiellos kurzer Zeit ein Wandel, der die Voraussetzungen dafür schuf, dass eine deutsche Wiedervereinigung möglich wurde. Alles in allem war die DDR, die im März 1990 demokratisch eine neue Volkskammer wählte und mit ihr den Weg  in die deutsche Einheit ging, zweifellos ein Rechtsstaat. 

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die damalige Bundesrepublik Deutschland einen Unrechtsstaat in ihr föderales System aufgenommen und Teile seiner Armee in die eigene integriert hätte. Aus dem Unrechtsstaat DDR war im letzten Jahr seiner Existenz ein Rechtsstaat geworden. Der Einigungsvertrag konnte zwischen zwei souveränen Rechtsstaaten ausgehandelt werden. 

Das alles in einem Licht darzustellen, als hätte die Bundesrepublik die Brüder und Schwestern im Osten wie reuige Sünder auf den Weg der Erleuchtung geführt, würde unserem Bildungssystem einen Bärendienst erweisen. Die erste siegreiche Revolution in der deutschen Geschichte verkäme zu einer marginalen Episode des „großen Einigungsprozesses“ der Regierung Kohl, die Helden von Leipzig und anderswo brächten sich allenfalls als Karteikarten in den Registraturen der Arbeitsagenturen in Erinnerung. Wenn überhaupt…

Das wollen wir doch nicht. Oder?

                                                                                                      Klaus Taubert