„Wer am längeren Hebel sitzt“ – Endgültige Lösung eines bizarren Streits

 

Erste Gedanken zum Tode von „Wasser-Paul“ aus Petershagen

 

 

Dezember 2009

 

„Jedes System findet einen Weg, seine Gegner aus dem Verkehr zu ziehen“ – so oder so ähnlich hatte sich Eberhard Paul mir gegenüber schon ein ums andere Mal geäußert. Dabei kannte ich ihn gar nicht lange, vielleicht 1 ½ oder 2 Jahre, aber es reichte aus, eine Unmenge zu erfahren. Zu viel. Da war ein höflicher und hilfsbereiter, ruhiger und fachlich qualifizierter Mann, von Gerechtigkeit überzeugt und hart arbeitend, der sich, wie er immer sagte, über die „demokratische Wende“ von 1990 gefreut, ja auf die Freiheit gesetzt hatte. Freiheit, das kann nie eine leere Wortblase sein. Freiheit – sie wird praktisch erlebt von jedem Bürger eines Landes. Oder eben nicht. Eberhard Paul und seine Frau Dietgard haben dem (mittlerweile verblassenden) Ruf vom Lande der Dichter, (Quer-) Denker und Erfinder wieder Ehre gemacht. Sie waren Teil der Bewegung jener Menschen, die ihre Haushalte mithilfe biologischer Kleinkläranlagen in Gang hielten und damit „abflusslose und einleitungsfreie Grundstücke“ schufen. Gerade im ländlichen Brandenburg wäre diese Technologie in vielen Fällen sinnvoller angebracht als ein zentralistisches Rohrsystem. So wurden nicht nur im Zuge des Istanbuler Weltwasserforums der Vereinten Nationen im März dieses Jahres dezentrale Trinkwasser-Versorgung und Abwasser-Entsorgung als gute Lösung für diverse Problemgebiete dieser Welt beschrieben. Vielmehr zeichnet sich schon seit Jahren ab, dass dezentrale Versorgung in vielen Teilen der Erde benötigt und angewendet wird – und Deutschland eine Chance auf ein innovatives Exportprodukt hätte. Freiheit rentiert sich früher oder später eben für alle – wenn man einzelne Vorreiter nur gewähren ließe. Eberhard Paul hat sich der sachlichen Diskussion nie entzogen; im Gegenteil, er suchte und praktizierte sie aktiv. Zuletzt erinnere ich mich an unsere Bürgerallianz-Veranstaltung im Neuenhagener Bürgerhaus, auf der sich sogar Hartmut Wacke, Technischer Leiter des WSE, der Diskussion und den Fragen stellte. Die Diskussion war ruhig, sachlich und für die Nicht-Eingeweihten lehrreich gewesen – eine Lösung brachte sie freilich nicht. Die Ruhe Eberhard Pauls an diesem 18. März 2009 mit der er das für ihn emotionale, ja existenzielle Problem händelte, bewundere ich. Vor Augen war mir wahrscheinlich immer noch das Ereignis vom Dezember 2008, als der Wasserverband seine Beiträge für nicht erbrachte und nicht notwendige Leistungen von Familie Paul mithilfe von Gerichtsvollzieherin und Polizei eintrieb. Dietgard Paul hatte sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs befunden. Die Hinterhältigkeit im Vorgehen deutscher Behörden besteht auch hier einmal mehr darin, dass die Ungerechtigkeit der Hintergrundgeschichte für den Außenstehenden schwer ersichtlich ist und es somit an gesellschaftlicher Solidarisierung mangelt. In der Wahl der Mittel kann ein hochtechnisiertes System locker auf primitive Gewalt verzichten, wie sie in vielen anderen Teilen der Welt, oft unter Empörungsschreien der deutschen Politik, angewendet wird. Nicht die Wahl des falschen Mittels sollte hier aber in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken, sondern viel mehr die Wahl des falschen Motivs, des unehrenhaften Ziels. Als gerade aus dem Kongo Zurückgekehrter hätte ich eigentlich die Vorzüge deutscher „Rechtsstaatlichkeit“ mehr zu schätzen, ja geradezu lieben müssen – doch meine ersten Tage in dieser kalten, oft nur an der Oberfläche freundlichen Gesellschaft sorgen einmal mehr für Zweifel. Der Tod Eberhard Pauls war eines der ersten Dinge, mit denen ich Anfang des Monats in Neuenhagen konfrontiert wurde. Oft dachte Eberhard Paul ans Auswandern – er hat es nicht getan. Seine Heimatliebe und der Glauben an Veränderungen in Deutschland, sowie die Hoffnung, einen verständlichen Rechtsstaat doch noch erleben zu dürfen, waren stärker. Wäre er gegangen – vielleicht wäre er noch am Leben.

Billy Six

Gemeindevertreter aus Neuenhagen