It´s not right, it´s not wrong, it is just different
Mit
dieser Einstellung bin ich am 19. Juli 2004 meine lange Reise in die USA mit
flauem Magen angetreten. Zuerst ging es für 2 Wochen nach Vermont, ins „EF Language and Culture Camp“, welches zur Vorbereitung auf die Sprache,
Sitten sowie Kultur in Amerika diente. Dort habe ich Freunde fürs Leben
gefunden, mit denen ich meine Erfahrungen während des gesamten Jahres
austauschte und bei Problemen um Rat fragte.
Ankunft bei der Gastfamilie
Dann war
es soweit. Der Tag war gekommen, an dem wir unsere Gastfamilie treffen sollten.
Nach einer langen schlaflosen Nacht und vielen Tränen kam ich am Zielflughafen
an. Ich erblickte meine 3-köpfige Gastfamilie mit einem Lächeln bis über beide
Ohren und einem kleinen Schild mit meinem Namen darauf in der Hand.
Kaum in
meinem neuen Heim angekommen, ging es gleich das erste Mal in die Kirche. Vor
lauter Müdigkeit verließ ich die Kirche mit nicht allzu großer Vorfreude auf
den nächsten Kirchengang. Doch das sollte sich bald ändern. Schnell bemerkte
ich, wie die Kirche ein Treffpunkt für die gesamte Gesellschaft darstellt und
dort alle Neuigkeiten ausgetauscht werden. Ich bekam schon bald Gefallen daran
und es wurde zum wöchentlichen Ritual.

Der amerikanische Schultag
Der
amerikanische Tagesablauf unterschied sich fast völlig von meinem gewohnten.
Eine angenehme Veränderung bot sich durch meine gleichaltrige Nachbarin, die
mich jeden Morgen mit dem Auto zur Schule mitnahm. Diese begann später als in
Deutschland üblich. Trotzdem waren die meisten ungefähr 20 Minuten vor Beginn
da, um Zeit mit den Freunden zu verbringen, denn die so genannte „Pause“ war
nur ganze 4 Minuten lang. Man musste sich wirklich beeilen, damit man
pünktlich im nächsten Unterrichtsraum erschien. Sonst gab es zur Strafe
Nachsitzen.
Der Schultag hatte geregelte 7 Stunden, immer ein und
dieselben Fächer. Nach Unterrichtsende hetzte man in die Umkleidekabine um
pünktlich in der Turnhalle zu stehen. Endlich, nach einem zweistündigen
Training, zu Hause angekommen, gab es zusammen mit der ganzen Familie warmes
Abendbrot. Das so genannte „Supper“ oder auch
„Dinner“ gehört zu den amerikanischen Sitten. Da werden alle Neuigkeiten des
Tages ausgetauscht, Pläne geschmiedet und Probleme besprochen. Daher bemühte
man sich, stets zum Abendbrot zu Hause zu sein.
Sobald
die anstehenden Hausaufgaben für den nächsten Tag geschafft waren, war es auch
schon fast "bedtime".
Meine zweite Heimat
Schon
kurz nach meiner Anreise fühlte ich mich sehr wohl bei meiner „neuen“ Familie.
Noch bevor die Schule begann, lernte ich bereits die ersten Freunde kennen, was
den Einstieg erleichterte.
Meine
Gastmutter, mein Gastvater, der damals noch 12- jährigen Sohn und ich lebten in
einem Hause in „Appleton“, welches, wie für Amerikaner typisch, mit einer Flagge ausgestattet war.
Sie
machten mir die Eingewöhnungsphase auf dem Dorf mit 2600 Einwohnern so einfach
und kurz wie möglich. Appleton liegt süd-westlich im Staat Minnesota, nah an
der Grenze zu South Dakota. Minnesota, auch „Staat der 10.000 Seen“ genannt,
befindet sich im Mittleren Westen, angrenzend zu Kanada.
Man lernt
schnell, auch in einem kleinen Dorf Spaß zu haben. Wir sind am Wochenende viel
campen gefahren, was für mich eine völlig neue Erfahrung darstellte.
Weihnachten
war einer der schönsten Momente. Anfang Dezember leuchteten und funkelten sage
und schreibe sieben Weihnachtsbäume in unserem Haus. Immerhin war ein echter
unter ihnen, den wir sogar selbst gefällt hatten!
Nach
Silvester wurde mir schnell bewusst, dass die Hälfte des Jahres schon um sei
und die Zeit von nun an wie im Fluge vergehen werde.
So war es
dann auch. Schnell kam der Frühling und die Zeit, wo man der Prom, dem Abschlussball, entgegenfieberte. Früh wurde in
der Schule getuschelt, wer mit wem wohl dorthin gehen würde. Das war mit
Sicherheit eines der eindrucksvollsten Erlebnisse während des gesamten Jahres.
Jedoch
kostete es viel Vorbereitungszeit:
Nach
langem Überlegen entschied ich mich für ein pinkes
Kleid, welches ich mir von einer Freundin lieh. Als nächstes standen Schuhe und
Schmuck auf dem Plan. Als das auch erfolgreich abgeschlossen war, sollte es
nicht mehr lange bis zum heiß ersehnten Tag dauern.
Der Tag war gekommen.
Es wurde zeitig aufgestanden und sofort mit den
Vorbereitungen begonnen. Hier wurden die Haare hochgesteckt, dort die
Fingernägel lackiert, dann das Kleid angezogen, gleich danach geschminkt wie
ein Farbtopf und eine Dose Haarspray aufs Haar verteilt. Insgesamt hat es sage
und schreibe fünf Stunden gedauert.
Kaum
waren wir fertig, stand mein Date auch schon vor der Tür. Nun war es Zeit für
die Fotos. Dann fuhren wir zu seinen Eltern, wo wieder Fotosession angesagt
war.
Endlich
hieß es mit unseren Freunden Essen fahren, nämlich in einer weißen Limousine!
Danach ging es in die Schule, wo mein Date und ich durch die zum
Thema „ Hollywood“ umdekorierte Sporthalle liefen, stehen blieben und in ein
Meer voller Blitzlichter sahen.
Es war
einfach wunderschön – regelrecht wie im Märchen…
Später am
Abend fand in unserer High School eine Feier statt. Da wurde getanzt, gegessen,
Spiele gespielt und viele, viele Fotos geschossen. Diesen Tag werde ich nie
vergessen.
Die
Abreise rückt immer näher
Kaum war Prom vorbei, flogen die Tage nur so vorüber und schon bald
war der Tag vor meinem Abflug gekommen. Wir verbrachten die letzte Nacht in
einem Hotel, da mein Flug sehr früh startete. Bevor ich das Licht ausmachte,
herrschte eine sehr bedrückende Stimmung. Dass mein kleiner Gastbruder tottraurig war und sogar Tränen vergaß, rührte mich stark!
Den
eigentlichen Abschied am nächsten Morgen versuchten wir kurz und schmerzlos
hinter uns zu bringen, um große Gefühlsausbrüche zu vermeiden. Gänzlich
funktionierte das jedoch nicht. Nach vielen Tränen und einem letzten Foto, wo
mir ein Lächeln wirklich nicht gelang, musste ich durch die Absperrungen gehen.
Langsam erst wurde mir bewusst, dass ich am anderen Ende wieder in meiner alten
Heimat aussteigen würde und meine Eltern auf mich warten, die ich ein Jahr
nicht gesehen hatte.
Es war
schwer, doch ich wusste, dass man mich daheim auch sehr vermisste und meine
Freunde auf mich warteten. Für mich war es nicht einfach, in Berlin am
Flughafen Freude auszustrahlen, weil mir danach nicht zumute war.
Eins werde ich nie vergessen – meine neue
Heimat Amerika mit meiner neuen amerikanischen Familie!
Claudia Jänsch