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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

„Gefühlte“ Teuerung?

Jeder Esso Pächter fährt an jedem Tag zu den in seiner Nähe gelegenen Tankstellen der Wettbewerber und notiert sich deren Preise. Diese im Markt vorgefundenen Preise gibt er in ein Online-System ein. Die Daten treffen in der zentralen Preisabteilung ein und werden geprüft. Stellt sich heraus, dass die Esso Tankstelle über dem Preis wesentlicher Wettbewerber liegt, muss eine Absenkung des Preises erwogen werden. Sollte die Esso Deutschland GmbH festgestellt haben, dass in einem bestimmten Gebiet oder an einer bestimmten Tankstelle Marktanteile verloren gehen, so wird der Preis erforderlichenfalls noch weiter gesenkt. Dieser Vorteil des niedrigen Preises, der von vielen Autofahrern sofort honoriert wird, besteht leider nur kurze Zeit. Denn die übrigen Wettbewerber haben ähnliche Systeme installiert und in Brennpunkten des Wettbewerbs fi nden Preisanpassungen dieser Art sogar mehrfach täglich statt. Es können so durch das gegenseitige Reagieren auf Preisunterbietungen in ganz kurzer Zeit so genannte Preistrichter entstehen, die durchaus bis zu 6 Cent pro Liter, in Ausnahmefällen sogar noch mehr, unter dem bundesweiten Durchschnittspreis liegen. So findet es der Leser auf der Internetseite www.esso.de. Dass die Benzin preisentwicklung in Rotterdam Anlass zum Preispoker gibt, obwohl langfristige Einkaufsverträge mitunter niedrigere Preise sichern, wird nicht erwähnt ...

Der Benzinpreis ist einer der Ausgaben, mit denen Millionen Menschen in Deutschland täglich in Berührung kommen. Ähnlich wie die Preise für Nahrungsmittel bildet der Benzinpreis somit eine der wichtigsten Grundlagen für die Wahrnehmung der Inflation, für die „gefühlte Teuerung“ im Alltag. Auch wenn die Kraftstoffkosten heute nur rund 30 Prozent der gesamten Pkw-Kosten ausmachen.

Steigende Rohölnotierungen (die Ölrechnung Deutschlands hat sich seit Anfang 1999 versiebenfacht) und die deutsche Hochsteuerpolitik (über 60 % des Benzinpreises sind Steuern) haben Benzin und Diesel weiter verteuert.

Trotz eines Anstiegs in den 90er Jahren muss ein deutscher Arbeitnehmer heute weniger Minuten für einen Liter Benzin arbeiten als in den 60ern (damals rund 14 min. – heute rund 6 min.). Diese Entwicklung ist zum guten Teil durch große Rationalisierungsanstrengungen der Mineralölindustrie erzielt worden.

Weder Steuern noch der Lieferantenpreis, also rund 93 Prozent des Tankstellen preises, können von den Mineralölunternehmen beeinflusst werden. Lediglich sieben Prozent verbleiben für Transport, Lagerhaltung, Forschung, Entwicklung, Verwaltung, Vertrieb, Pächterprovisionen und die gesetzliche Bevorratung. Was nach Abzug dieser Aufwendungen als Gewinnanteil übrig bleibt, ist von den Mineralölunternehmen zu versteuern.

Dem Autofahrer bieten sich wenig Möglichkeiten, auf die gestiegenen Treibstoffpreise zu reagieren und den Benzinverbrauch und damit die Benzinkosten zu verringern:

• Der Wechsel auf ein verbrauchsgünstigeres Auto beim nächsten Autokauf

• Eine energiesparende Fahrweise (ruhiges, defensives Fahren ohne Höchstgeschwindigkeiten)

• Die Bildung von Fahrgemeinschaften mit anderen z. B. für den Arbeitsweg

• Ein Umsteigen bei einzelnen Fahrstrecken auf andere Verkehrsmittel

• Eine Verringerung von Autofahrten, z. B. in der Freizeit.

Mit einem Sinken der Kraftstoffpreise ist eher nicht zu rechnen ...

Dr. Ralph Donath