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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010
Loch an Loch und hält doch?
Der Winter ist dran schuld,dass unsere Straßen zerbröckeln – tönt es von allen Seiten. Doch das trifft nicht den Kern.
Bundesweit wurden im Straßenverkehr über 55.000 Haftpflichtschäden mit einer Gesamtsumme von rund 230 Millionen
Euro gemeldet, berichtet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.
Das Glatteis führte zu vielen Unfällen auf den Gehwegen: Die Krankenhäuser mussten dreimal so viele Glatteisunfälle versorgen als üblicherweise. Die KKH Allianz schätzt die winterbedingten Unfallkosten auf 100 Millionen Euro für
die gesetzlichen Kassen.
Teuer waren auch die Streudienste,die pro Tag zuletzt rund 10.000 Tonnen Streusalz verteilten.
„Die Sanierung der Straßen wird nach dem Winter Milliarden kosten“, heißt es in einer vorläufigen Bilanz des Städte- und Gemeindebundes. Allein in Berlin brauche man 100 Millionen Euro für die komplette Sanierung des 5.343 Kilometer langen Straßennetzes – die Stadt hat aber nur 2,5 Millionen Euro zur Verfügung.
„Wir rechnen im Vergleich zu den Vorjahren mit den drei- bis vierfachen Reparaturkosten“, sagt Bernd Hinrichs vom Deutschen Asphaltverband (DAV). Eine Schätzung, die leicht nachvollziehbar und die Folge jahrelanger Flickschusterei
ist. Der Modernisierungsgrad,also der Anteil des Wegenetzes in gutem Zustand, lag 1975 bei 82 Prozent. 2002 war er auf 68 Prozent gesunken. Tendenz fallend.
Der Baulastträger einer Straße hat im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht die Aufgabe, Straßenschäden in kurzer Zeit zu beseitigen. Aufgrund der hohen Kosten für Instandsetzungsarbeiten werden häufig nur kleine Ausbesserungsarbeiten ausgeführt.Aber der Straßenerhalter haftet für Unfälle durch Fahrbahnschäden nur bei grobem Verschulden oder Vorsatz – etwa wenn er von der Gefahr gewusst, aber nichts dagegen unternommen hat.
Die Zeche dafür zahlt der Autofahrer entweder in seiner Funktion als Steuerzahler oder direkt. Für Schäden an
Fahrwerk oder Spoilern muss der Fahrer nämlich selbst aufkommen: „Einen Schadensersatzanspruch gibt es nicht“, sagt Matthias
Schmitting vom ADAC Hansa. Autofahrer müssten juristisch gesprochen damit rechnen, dass die Straßen schlecht sind und entsprechend vorsichtig fahren.
Angemessen kann auch Schritttempo bedeuten, denn je schneller das Fahrzeug ist, umso heftiger und tiefer taucht es in das Loch ein. Wenn nicht nur der Asphalt an der Oberfl äche bricht, sondern weitere Schichten im Unterbau der Straße weggespült worden sind, können Schlaglöcher so tief werden, dass ein Fahrzeug regelrecht stecken bleibt. Wer mit hoher Geschwindigkeit in eine solche Falle rauscht, dem kann es die ganze Achse wegreißen.
Warum kommt es zu Schlaglöchern?
Asphaltdecken bestehen aus abgestuftem Mineralgemisch und Bitumen als Bindemittel. Sie sind die am häufigsten verwendeten Deckschichten. An diese werden besonders hohe Qualitätsanforderungen gestellt. Ihre Dicke und Zusammensetzung ist abhängig von der Verkehrsbelastung – ein Lkw übt die gleiche Belastung aus wie ungefähr 100.000 Pkw.
Gemeinsam mit der Binderschicht bildet die Deckschicht die Fahrbahndecke. Asphaltdeckschichten werden in der Regel
in einer Stärke von 3 bis 4 cm ausgeführt. Sie besitzten je nach Verkehrsbelastung eine Haltbarkeit von 12 bis 18 Jahren.
Die Ursachen für Straßenschäden reichen von mangelhafter Bauausführung bis hin zu übermäßiger Nutzung und schädigenden
Umwelteinfl üssen. Ursachen für Schäden kann ein mangelhafter Verbund zwischen der Gesteinkörnung und dem Bindemittel sein,
also beispielsweise eine fehlerhafte Mischgutzusammensetzung. Es ist jedoch auch möglich, dass beim Asphalteinbau nicht ordnungsgemäß mit Walzen verdichtet wurde.
Bei der Bindemittelanreicherung (auch Überfettung genannt) lagert sich bituminöses Bindemittel aufgrund der Verkehrsbelastung an der Straßenoberfl äche ab. Ursache: Das Mischgut hatte im Endzustand einen zu hohen Bindemittel- und/oder einen zu geringen Hohlraumgehalt.
Frostaufbrüche treten auf, wenn Wasser durch die defekte Oberfläche eines Straßenbelages eindringt und beim Frieren die Eissprengung diese Risse vergrößert. Besonders häufig sind diese Aufbrüche auf Nebenstrecken, wenn die Straßenschäden der
vergangenen Jahre teilweise nur oberflächlich saniert worden sind. Abplatzung (wie auf der B1 in Hoppegarten) entstehen insbesondere bei Betonfahrbahnen. Dort kommt es aufgrund von mangelhafter Betonverarbeitung und Bewehrungskorrosion
zu Abplatzungen.
Fazit: Viele Straßen werden nicht fachgerecht hergestellt (und trotzdem abgenommen), oberflächlich instandgehalten und nicht planmäßg erneuert. Der Autofahrer zahlt viel mehr Geld, als er für seine Zwecke bekommt.
Dr. Ralph Donath