[
zurück]
Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010
Klein, aber fein – Zypern
Denkt man an die Misére in Griechenland, kommt auch eines der jüngsten EU-Mitgliedsländer in den Sinn – Zypern, nach Sizilien und Sardinien die drittgrößte Insel im Mittelmeer und geografisch zu Asien zählend. Der südliche, griechische Teil gehört zu den reichsten Ländern des Mittleren Ostens. Hier wohnen 77 % der ca. 1 Mio. Einwohner. Die griechisch geprägte Republik Zypern ist seit 1.5.2004 Vollmitglied der EU. Am 1.1.2008 wurde der Euro eingeführt. Und wer die folgenden Fakten kennt, wird keine Parallelen zu Griechenland fi nden, aber möglicherweise Anregungen für Deutschland (z. B. Steuerpolitik):
Das bemerkenswerte wirtschaftliche Wachstum Zyperns der letzten Jahrzehnte (Durchschnitt des BIP-Wachstums: 1975–2000:
real ca. 5,5 Prozent) hat sich vor dem Hintergrund einer unsicheren Weltwirtschaftslage, steigender Ölpreise und eines verschärften Wettbewerbs im Tourismuswesen in den letzten Jahren verlangsamt, lag aber 2008 mit 3,7 Prozent immer noch weit über dem EU-Durchschnitt. 2009 rutschte das Wachstum zwar ins Minus (– 0,5 %), soll sich aber im laufenden Jahr wieder
auf + 0,5 % erholen.
2008 betrug das Pro-Kopf-Einkommen 19.868 Euro (in den alten Bundesländern hatte jeder Bundesbürger 2008 durchschnittlich 19.838 Euro zur Verfügung, in den neuen Bundesländern dagegen nur 15.484 Euro). Mit einer
Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent im zweiten Halbjahr 2008 herrscht quasi Vollbeschäftigung.
Die Gesamtverschuldung konnte 2008 von 59,8 Prozent (2007) auf 49,1 Prozent des BIP zurückgeführt werden. Im Jahr
2008 wiesen neun Mitgliedstaaten eine Verschuldungsquote von mehr als 60 Prozent des BIP auf: Italien (105,8 Prozent), Griechenland (97,6 Prozent), Frankreich (68,1 Prozent), Portugal (66,4 Prozent), Deutschland (65,9 Prozent). [Anmerkung: Die USA weisen eine Verschuldung von nur rund 90 % des BIP´s auf. Im Verhältnis zum Budget gesehen sind es aber schon 362 % und im Vergleich zum gesamten Steueraufkommen sind es gar 623 %!
Das heißt, dass die USA mehr als 6 Jahre brauchen würden, um ihre Staatsverschuldung abzubauen, ohne aber das ein Cent dabei ausgegeben werden darf und in diesem sind noch nicht einmal die Zinsen berücksichtigt. Daher müssen wir uns eingestehen, dass diese Summen nie zurückgezahlt werden können.]
Schlüssel zum Erfolg wurde der Tourismus, der heute größter Devisenbringer des südlichen Zypern ist (ca. insgesamt
2,403 Mio. Besucher 2008, davon 1,242 Mio. aus Großbritannien, 180.900 aus Russland, 133.000 aus Griechenland und 133.100 aus
Deutschland). In den touristisch entwickelten Regionen sind viele Saisonkräfte, vor allem aus Polen und den Philippinen, tätig.
72 % der Zyprer arbeiten im tertiären Sektor (Dienstleistungen), in der Landwirtschaft hingegen nur noch 5 % aller Beschäftigten. Es werden Weintrauben, Zitrusfrüchte, Kartoffeln und Gerste angebaut, Schafe, Schweine und Ziegen gehalten.
Die zyprische Wirtschaft leidet traditionell an einer Exportschwäche (2008 Handelsbilanzdefizit von 6,181 Mrd. Euro). Zu den Ursachen zählen eine steigende Importnachfrage und Einbußen in der Tourismusbranche. Auf bestimmte Güter werden teilweise hohe Steuern erhoben. Große Exporterlöse werden mit Nahrungsmitteln und Textilien erzielt. Zyprische Exporte bestehen allerdings überwiegend aus Re-Exporten (wie japanische Kraftfahrzeuge nach Großbritannien), gefolgt von
Agrarerzeugnissen sowie Pharmazeutika. Die bedeutendsten Export-Partner sind Großbritannien 27,2%, Griechenland 11,9%,
Deutschland 5%, Vereinigte Arabische Emirate 4,8%.
Die wichtigsten Einfuhrgüter sind Kraftfahrzeuge, Maschinen, Industriebedarf, elektrische Geräte und Konsumgüter. Deutschland ist nach der zyprischen Außenhandelsstatistik viertwichtigster Lieferant Zyperns nach Griechenland
(1,11 Mrd. Euro), Italien (641,9 Mio. Euro) und Großbritannien (616,5 Mio. Euro im Jahr 2007).
Viele ausländische Reedereien lassen ihre Schiffe unter zypriotischer Flagge laufen, da dies meist enorme steuerliche Vorteile bietet und gleichzeitig gewisse Sicherheitsstandards garantiert.
Gewaltiges Kapital (Schwarzgeld) gelangte durch die rund 20.000 russischen Unternehmen (meist Briefkastenfi rmen) ins Land, das anschließend gewaschen ganz legal in den GUS-Staaten investiert wurde. Zypern ist so auf dem Papier zum bedeutendsten Investor in Russland geworden – noch vor den USA, Holland und Deutschland.
Übrigens liegt Zypern im Korruptionsindex der 25 EULänder auf Platz 12 (Deutschland Platz 6, Griechenland nach Italien
auf Platz 25, wie Bulgarien und Rumänien).
Zyperns Wirtschaft zahlte im Euro-Raum bisher mit die höchsten Kreditzinsen. Billiges Geld der Europäischen Zentralbank hat die Wirtschaft bislang kaum erreicht. Vielleicht waren aber folgende Entscheidungen besonders förderlich:
2002 wurden in Zypern eine einheitliche Unternehmensteuer von 10 Prozent, drei einheitliche Einkommensteuersätze von 20,
25 und 30 Prozent (Stufentarif, wobei ein Jahreseinkommen bis 19.500 Euro steuerfrei bleibt). Die Mehrwertsteuer liegt bei
15 Prozent. Auf Zypern besteht ein indexiertes System der automatischen halbjährlichen Anpassung von Löhnen und Gehältern an
die Infl ationsrate. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt derzeit 704 Euro während der ersten 6 Monate eines Beschäftigungsverhältnisses und danach 747 Euro).
Dr. Ralph Donath