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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

Die Präsidentenaufgabe

Acht Minuten und zehn Sekunden hatte Christopher Ricke, Journalist beim Deutschlandradio, mit Horst Köhler gesprochen. Sie kamen von der Weltausstellung in Shanghai und hatten einen bis zuletzt geheim gehaltenen Zwischenstopp in Nord-Afghanistan hinter sich.

Eigentlich wollte Christopher Ricke über die Menschenrechte in China sprechen. Wäre er dabei geblieben, brauchte Schloss Bellevue nicht einen neuen Bewohner.

Der Journalist löschte lediglich einige „Ähs“, vorn und hinten noch ein paar Pausen, ließ ansonsten alles unverändert und schickte das Interview um 20 Sekunden gekürzt nach Berlin zu Deutschlandradio Kultur und zum Schwesterprogramm Deutschlandfunk nach Köln. So hatte er es Köhlers Pressesprecher versprochen.

Christopher Ricke hatte nach dem Grund seiner Reise gefragt und nach der Debatte in Deutschland, ob man sich an gefallene Soldaten gewöhnen müsse. Seine Fragen sind niveauvoll, kontrovers, aber er treibt niemanden in die Enge. Der Journalist, der Politik, Geographie und Wirtschaftswissenschaft studiert hatte, ließ ihn ausreden, bohrte nicht nach. Bundespräsident Horst Köhler konnte seine Gedanken fliegen lassen. Er sagte, dass Deutschland eine Außenhandelsnation sei und „im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren“. Dem Präsidenten ging es zunächst um mehr Respekt für die deutschen Soldaten in Afghanistan und insgesamt im Auslandseinsatz.

Nichtsdestotrotz, dass Köhler auf dem Rückweg von einer langen Reise war, habe er konzentriert gewirkt, sagte Christopher Ricke.

Deutschlandradio Kultur ist kein Massenprogramm und es war Pfingsten. So brauchte es eine Weile – aber nach und nach kam die Woge in Gang. Die SPD und die Grünen tobten, die Presse schlug auf den Bundespräsidenten ein, die Kanzlerin hielt sich zurück. Schließlich kapitulierte Horst Köhler. Die Gründe und die Begleitumstände für den Rücktritt von Horst Köhler sind unterdessen immer noch nicht ganz genau geklärt.

Köhler selbst hat die Reaktion auf sein umstrittenes Afghanistan-Interview als Beweggrund genannt. Klaus Schrotthofer, ehemaliger Sprecher des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, sieht jedoch Hinweise darauf, dass es Menschen gab, die ihn beraten haben, sehr stark in die Tagespolitik hineinzugehen, sehr stark auch in Schlagzeilen zu operieren, zu agieren. Schrotthofer hofft nun, mit Blick auf die Balance in unserem politischen Gefüge kommt in Zukunft wieder stärker der Akzent auf die eigentliche Aufgabe des Bundespräsidenten zum Tragen.

Er glaube, das Amt des Bundespräsidenten ist von großer Bedeutung für dieses Land, aber nicht in dem Sinne, dass der Bundespräsident tagespolitische Hinweise gibt, sondern tatsächlich langfristige, sehr grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen erkennt und Impulse gibt.

Ich meine allerdings, dass die Frage nach dem Sinn militärischer Einsätze in der Welt zutiefst grundlegend ist ...

Dr. Ralph Donath