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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010
Entwurzelte Kinder
Viele Schüler sind heute
überfordert. Sie haben in einem Unterricht ohne Struktur und Kontinuität
auf sich alleine gestellt keinen Erfolg mehr und erleben die Schule
zunehmend als sinnlos. Viele Lehrbetriebe klagen über ihre schlechte
Arbeitshaltung und mangelnden Fähigkeiten. Die Rede ist von 47,3 Prozent nicht
ausbildungsreifen Schulabgängern („Berufsbildungsbericht 2010“ der
Bundesregierung).
Michael Winterhoff, der
seit mehr als 20 Jahren als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie in Bonn eine eigene Praxis führt, spricht von einer erschreckenden
Zunahme schwerst gestörter Kinder. Er sieht – wenn sich kein Bewusstsein
für diese Störungen bildet – längerfristig sogar den
gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet, denn immer weniger
arbeits- und beziehungsfähige Jugendliche und Erwachsene seien die Folge.
Anfang der 90er Jahre
kamen lediglich vier schwierige Kinder auf eine Schulklasse. Inzwischen
habe sich das Verhältnis umgekehrt. Zudem hätten immer mehr Kinder gleich
in mehreren Bereichen gravierende Schwierigkeiten.
Im Jahr 2006 wurden
Schulneulinge auf Auffälligkeiten in den Bereichen Feinmotorik,
Wahrnehmung, Logik/Lernen, Mathematik, Grobmechanik, Sprache, Arbeits- und
Sozialverhalten geprüft. In einer Klasse wiesen lediglich vier von 25
Schülern keine Störungen auf, weitere vier hatten nur eine Störung, alle
anderen waren in mehreren Bereichen auffällig. Zwei erreichten sogar die
Höchstzahl von sieben Störungen. In weiteren Klassen war die Bilanz
ähnlich.
Verändert habe sich auch
die Herkunft der psychisch auffälligen Kinder und Jugendlichen. Die
Mehrzahl käme heute nicht mehr aus sozialen Problemverhältnissen und
zerrütteten Familien. Dieser Ansatz greife zu kurz. Auffällig seien heute
zunehmend auch Kinder aus finanziell gut gestellten Elternhäusern und
intakten Familien mit gesunden und beziehungsfähigen Eltern, die ihre
Kinder keineswegs vernachlässigen. Im Gegenteil. Sie pfl egenvom ersten Tag
an einen liebevollen Umgang und sind bereit, alles zu tun, um glückliche
und zufriedene Kinder zu erziehen.
Die Grundlage für diese
Entwicklung sieht Michael Winterhoff „in den Erziehungskonzepten der
siebziger und achtziger Jahre“, die „ausgehend von den theoretischen
Gesellschaftskonzepten der 68er-Generation ihre Hauptaufgabe in einem
Schleifen des Autoritätsbegriffes sahen“.
Die Erziehungskonzepte
der siebziger und achtziger Jahre hätten in den Köpfen der
Erziehungsberechtigten ein Weltbild durchgesetzt, „das den einzelnen
Menschen in seiner Individualität aus dem Bezugsystem Gesellschaft
herausnahm und ihm nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der
Selbstverwirklichung zugestehen wollte. Kinder sollten nicht mehr von
Erwachsenen gesagt bekommen, was für sie gut und was schlecht sein könnte,
das wurde vielfach als unzulässige Indoktrination interpretiert. Statt
dessen sollten sie sich frei entwickeln, Erfahrungen sammeln, sich
möglichst wenig von der Erwachsenenwelt beeinflussen lassen und auf diese
Weise zu selbst bestimmten, freien Individuen heranwachsen.“ Gestützt auf
die irrige Annahme, Psyche bilde sich ganz von allein und stehe automatisch
jedem Erwachsenen für eine sinnvolle Lebensbewältigung zur Verfügung, wurde
zeitweise jede Form von Erziehung abgelehnt.
Während man dem
Gesellschaftskonzept der 68er-Generation zugute halten muss, dass es nicht
nur gegen die Autorität der Väter kämpfte, sondern gleichzeitig noch
soziale Anliegen vertrat – so zum Beispiel die Forderung nach sozialer
Gerechtigkeit oder nach Chancengleichheit für alle Kinder –, verhalfen die
Erziehungskonzepte der 70er und 80er Jahre dem Streben nach
Selbstverwirklichung ohne jede soziale Rücksichtnahme zum Durchbruch.
Damit wurde die
pädagogische Grundlage für die neoliberale Wirtschaftsordnung gelegt, die
damals die Welt zu erobern begann.
Fortan war keine Rede
mehr von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Gemeinschaftssinn,
Rücksichtnahme und gegenseitige Hilfe waren keine Werte mehr. Jedes Kind
sollte ungehindert seinen eigenen Weg gehen können, in seinem eigenen Tempo
lernen – sich also selbst verwirklichen. Schneller, besser, schöner,
reicher und mächtiger zu sein, waren die neuen Ideale. Auf diesem Boden
entwickelte sich eine Elite, die sich nicht mehr dem Gemeinwohl
verpflichtet fühlt und bereit ist, über Leichen zu gehen, wenn es gilt,
ihren eigenen Vorteil durchzusetzen. Auf der anderen Seite steht ein Heer
von Verlierern, das um das tägliche Überleben kämpfen muss.
Was in den
antipädagogischen Konzepten der 70er und 80er Jahre als Rezept zur
Erlangung selbst bestimmter und freier Individuen gepriesen wurde, hat in
der Wirklichkeit entwurzelte und desorientierte Kinder und Jugendliche
hervorgebracht, die sich als Verlierer leicht manipulieren lassen und als
Sieger andere manipulieren.
Die kindliche Psyche
bildet sich nicht von alleine. Vor allem kleine Kinder brauchen ein
erwachsenes Gegenüber, um die psychischen Funktionen und Weltbilder
aufbauen zu können, die für eine sinnvolle Lebensbewältigung notwendig
sind.
Funktionen wie
Frustrationstoleranz, Gewissensinstanz, Arbeitshaltung oder auch
Leistungsbereitschaft „müssen nach und nach ausgebildet werden, um einen
optimalen Aufbau der Psyche zu gewährleisten“. Auch Weltbilder durchlaufen
einen langen Reifeprozess. Die Weltbilder beinhalten eine „ganz bestimmte
Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum und unsere Position in ihr
wahrnehmen und interpretieren“.
Die Ausbildung dieser
psychischen Funktionen und Weltbilder erfordert ein immerwährendes Training
mit zahllosen Wiederholungen der gleichen Abläufe, und sie muss über das
Elternhaus hinaus auch in Kindergärten, Schulen und anderen pädagogischen
Einrichtungen fortgesetzt werden.
Psychische Strukturen
werden nicht in erster Linie durch liebevolles Zureden und Erklären
gebildet oder allenfalls korrigiert. Zwar ist die Liebe zum Kind eine
unabdingbare Voraussetzung für jede Form des Umgangs und der Erziehung.
Doch prägend ist die Persönlichkeit des Erziehers. Begegnet dieser
dem Kind mit der notwendigen inneren Sicherheit gleichsam als Rudelführer,
wird sich das Kind nach ihm ausrichten. Das Kind braucht erwachsene
Vorbilder und Führung, um seine psychischen und geistigen Fähigkeiten voll
ausbilden zu können.
Tyrannische Kinder haben
diese Führung nicht bekommen, es fehlt ihnen an psychischer Reife, sie
haben nicht gelernt, ihre Außenwelt und andere Menschen als Begrenzung
ihres eigenen Ichs wahrzunehmen und ihnen mit Respekt zu begegnen.
Dies ist die Folge einer
gesellschaftlichen Fehlentwicklung, bei der viele Eltern, Erzieher und
Lehrer bereits das Gefühl dafür verloren haben, den Kindern diese
Begrenzung zu vermitteln.
Winterhoff spricht
davon, dass „Kinder zu Erziehern ihrer Eltern geworden sind und diese rein
lustbetont steuern können“, ohne Grenzen zu erfahren. Sie reagieren
ungehalten, wenn ihnen Grenzen aufgezeigt werden und sie ihren Willen nicht
durchsetzen können. Sie beschimpfen ihre Eltern und produzieren Wutanfälle,
wobei sie auch handgreiflich werden und ihre Eltern schlagen und treten.
Beim partnerschaftlichen Umgang wird das Kind häufig auch in Belange der
Erwachsenen – zum Beispiel Ehe- oder Finanzprobleme – einbezogen, die es
auf Grund seines Alters noch gar nicht verstehen kann. Es wird damit seiner
Kindheit beraubt.
Wir müssen begreifen,
dass ein führender, strukturierender Umgang mit Kindern keine mangelnde
Achtung vor ihrer ‹Persönlichkeit› darstellt, sondern im Gegenteil gerade
dazu dient, ihnen im geschützten kindlichen Raum die Möglichkeit zu geben,
diese Persönlichkeit überhaupt erst zu entwickeln.
Dr. Ralph
Donath
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