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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

Gerechtigkeit heute

Vor kurzem habe ich mich mit einem Mann mittleren Alters unterhalten. Wie so oft ging es um den Begriff der Gerechtigkeit. Sei es denn gerecht, wenn Spitzenmanager Traumgehälter erhielten. Und wie beispielhaft doch die Milliardäre seien, die einen großen Teil ihres Vermögens spenden.

Es wäre doch so schön, wenn all das Erarbeitete zu möglichst gleichen Teilen an alle ausgereicht würde. Es gäbe doch schon heute genug, um alle Menschen der Erde satt werden zu lassen und ihnen ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.

Wirklich sehr menschenliebend, diese Anschauung. Doch trifft sie ins Schwarze? Haben nicht seit Jahrhunderten bis zum heutigen Tag Menschen versucht, in Kommunen zu leben, die genau das praktizierten? Und hat es funktioniert???

Leider nicht. Abseits der Städte, im Hinterland der nordamerikanischen Prärie, verfolgt z. B. eine kleine Gemeinschaft einen eigenwilligen Weg. Die deutschstämmigen Hutterer sind die direkten Nachfahren der radikalen „Wiedertäufer“ der Reformationszeit. Nach jahrhundertelangen Verfolgungen, Wanderungen und Fluchten sondern sie sich auch heute noch von der Außenwelt weitgehend ab. Sie lehnen Fernsehen, Radio und andere moderne Medien konsequent ab.

Der Dokumentarfilm des Filmemachers Klaus Stanjek über die „Kommune der Seligen“ wirft einen Blick auf eine menschliche Lebensweise jenseits der modernen Industriekultur, auf die Sensibilität des einfachen Lebens und auf die Begrenztheit menschlicher Hoffnungen. Er sagt über seinen Film: „Auf den ersten Blick ermöglicht der Film erstmalig eine Sicht auf eine radikale Gesellschaft von Fundamentalisten, die trotz ihrer fast 500-jährigen Geschichte nahezu unbekannt blieben. Als Ketzer gejagt und verfolgt wurden die „Hutterischen Brüder“ wohl auch deshalb, weil sie mit der biblischen Bergpredigt leibhaftig Ernst machen wollten, deshalb wehrlos und gewaltlos blieben, in Gemeinschaft lebten und allen Besitz teilten. Die urchristliche Idee der Kommune hat bei den Hutterern Form gefunden, Erfolg und Reichtum gebracht und bis heute Bestand.

Wegen ihrer weitgehenden Abschottung und Medienresistenz konnten sie bis in die Gegenwart eine andere Lebensform konservieren – ein selten glücklicher Umstand für einen beobachtenden Dokumentarfilmer.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich durchaus die Spuren eingeengter Freiheiten und der Orthodoxie, aber auch ein erstaunliches Ausmaß an sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Wärme.“

as Absondern von der Außenwelt – ist das die erstrebenswerte Lebensform der Zukunft? Der Verzicht auf Bedürfnisse, die ihren Ursprung in Erfi ndungen der gesamten Menschheit haben? Die die Mühen des Tages erleichtern und dem Leben Ziele geben?

Sie kennen doch diese Städtchen oder andere Sehenswürdigkeiten, die in Flüssigkeit mit Schneeimitationen eingeschlossen sind. Abgesehen davon, dass ich die nicht mag – es gab eine Zeit, da empfand ich Glück, diese wundersame Sache mein Eigentum zu nennen. Und damit hatten die Menschen, die so etwas herstellen eine nützliche Sache produziert. Sie hatten mich beglückt, die Menschen, die damit handeln und sich selbst. Solange es Menschen gibt, die man damit beglücken kann, haben sie ihre Daseinsberechtigung.

Als Hungernder, Dürstender und Frierender hätte ich mich wahrscheinlich über etwas anderes gefreut. Die Hersteller – vielleicht waren es Kinder, Tagelöhner, Analphabeten – haben sich von dem Geld, was vom Verkauf für sie übrig blieb, ihren Lebensunterhalt ermöglichen können. Heute stellen sie und ihre Nachfahren vielleicht Computerteile oder Fernseher her. Und erhalten einen höheren Lohn, weil ihre Wertschöpfung höher ist.

Hier liegt wohl eher der Lösungsansatz: Den Menschen muss es möglich sein, mehr zu erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Und zwar auf immer höherem Niveau (weil die Bedürfnisse mit der Möglichkeit ihrer Befriedigung wachsen). Und genau das ist heute auf der Welt noch nicht möglich. Daher kann nur die Leistung des Einzelnen Maßstab seines gerechten Anteils am gemeinsam Erwirtschafteten sein. Und hier muss man wirklich noch viel diskutieren...

Dr. Ralph Donath