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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

Gerechtigkeit nach Standpunkt?

Auf meine Kolumne zum Thema Gerechtigkeit erhielt ich einen umfangreichen Leserbrief von Peter Fischer, der meinen Gedanken Einiges entgegenzusetzen hatte. Was ich ihm antwortete:

Den Kern meines Gedankens haben Sie erkannt. Das freut mich, weil es immer eine Gefahr gibt, missverstanden zu werden. Es geht darum, die Leistung eines jeden Menschen zu bewerten, wonach ihm Gerechtigkeit bei der Verteilung zuteil wird. Sie schreiben: „Abgesehen davon, dass der Begriff ‚Gerechtigkeit‘ sicher von verschiedenen Menschen unterschiedlich interpretiert wird, kommt es nach wie vor auf den (früher hieß das Klassen-?) Standpunkt des jeweiligen Beurteilers an. Im Bereich der Besitzenden (großer privater, durch Lohndiebstahl zusammengeraubter Geldmengen bzw. Besitz an den Produktionsmitteln) wird der Raub der durch Andere erarbeiteten Werte bzw. Güter ‚gerecht‘ sein (vielleicht auch noch Gottgegeben). Die ungeheure Mehrheit der Nichtoder Wenigbesitzer sehen das mit Sicherheit anders.“ – Genau hier – meine ich – liegt ein Irrtum vor. Gerechtigkeit kann nicht je nach Klassenstandpunkt einen unterschiedlichen Inhalt haben.

Sie kennen vielleicht die Geschichte vom Erfinder des Schachspiels. Der König, den er damit beschenkte, fragte ihn nach seinem Lohn dafür. – „Legt nur immer die doppelte Anzahl Getreidekörner von Schachfeld zu Schachfeld. Dann bin ich fürstlich belohnt“, bekam er zur Antwort. Nach kurzer Rechenzeit war klar: Auf dem letzten Feld würden so viele Körner liegen, dass die ganze Erde damit bedeckt sein würde. Seine Erfindung konnte man nicht nach herkömmlicher Art bezahlen.

Es wird gesagt, mit Windows wurde das Betriebssystem an sich erfunden und dem Nicht-Computerspezialisten die Welt des Computers eröffnet. Bill Gates erbrachte mindestens die gleiche Leistung wie der Erfinder des Schachspiels.

Als die Hexal-Eigentümer Andreas und Thomas Strüngmann Anfang 2005 ihre Firma für 5,65 Milliarden Euro in bar an den Pharma-Riesen Novartis verkauften, erhielten die Mitarbeiter entsprechend ihrer Betriebszugehörigkeit einen Teil davon (der natürlich durch den Anteil des Finanzamts geschmälert wurde). Begründung: Ohne den Fleiß der Mitarbeiter wäre die Firma in zweieinhalb Jahrzehnten nicht zur Weltspitze emporgekommen. Ohne die beiden Firmengründer auch nicht. Woran misst man die Leistung in diesem konkreten Fall? Hatte der Preis sich nicht auch am Markt gebildet?

So wie sich Manager (Nicht-Eigentümer) ja auch meistbietend „kaufen“ lassen, bestimmt der „Arbeits(kräfte)markt“ den Preis jeder anderen Ware Arbeitskraft. Was zu viel vorhanden ist, verliert an Wert. Ein Hilfsarbeiter, der bildungsresistent seines Lebens fristet, dem man eine Harke in die Hand gibt, er diese aber eher zum Abstützen, denn zum Arbeiten nutzt, kann nicht damit rechnen, das eine große Neigung besteht, diese Leistung zu vergüten.

Natürlich gibt es auch genug Fälle, bei denen die Gegenleistung der „Nieten in Nadelstreifen“ für die erhaltenen Vergütungen nicht darstellbar ist. Und wo Manager und ihre Aufsichtsgremien die betroffenen Betriebe schamlos auswaiden, um nach reicher Ernte das sinkende Schiff zu verlassen. Das betrifft auch staatliche Unternehmen (und das hatten wir auch zu DDR-Zeiten).

Haben Sie nicht von den Unternehmern und Privatpersonen gehört, die Ware und Leistungen entgegennehmen und sie nicht bezahlen, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben? Was ist mit dem mörderischen Dumping, mit dem Mitbewerber in die Knie gezwungen werden sollen? Wodurch die Unternehmensmitstreiter um einen gerechten Lohn für ihre Mühe gebracht werden. So einfach, wie Karl Marx das zu seiner Zeit bei den Fabrikarbeitern darlegen konnte, ist es heute nicht mehr.

Sie schreiben: „Für die ungeheure Mehrheit aller Menschen unseres Planeten kann nur eine Welt auf der Basis der eigenen Leistungsfähigkeit erstrebenswert sein. Dazu gehört auch Teilen bzw. Solidarität mit denen, die nicht für sich selbst sorgen können und Hilfe benötigen.“ – das wollte ich mit meiner Kolumne sagen.

Bleibt aber der Maßstab für die Leistung, den wir finden müssen. Soll er von Menschen gemacht werden, die über allen anderen stehen? Durch Festlegung von Mindest- und Höchstlohn wäre die wichtigste Triebkraft des Menschen, die Befriedigung seiner immer wachsenden Bedürfnisse auf der Grundlage der von ihm geschaffenen Werte, zu Boden gerungen. Wenn das Leistungsprinzip außer Acht gelassen wird, kann es keine Gerechtigkeit geben. Den Fehler haben die DDR-Politiker (Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik?) ebenso gemacht, wie sie jetzt vollzogen werden.

„Ungeheurer privat verpulverter Luxus (Schlösser, Villen, Yachten u. v. a. m.) stehen dem Hunger und Krankheiten in der ganzen Welt gegenüber.“ – wie traurig für diejenigen, die diese Schlösser, Villen, Jachten u. v. a. m. herstellen und dafür gutes Geld bekommen. Werden sie nicht mehr gebraucht, können sie sich in die Schar der Arbeitslosen einreihen …

Und Sie geben zu bedenken: „Wir hätten genug Geld für alle, also ‚Reichtum für alle‘, wenn es nicht einer kleinen Schar von Lobbyisten immer wieder gelingen würde, dem Staat diesen Reichtum zu entziehen und ihn denen in den Hals zu werfen, die schon riesige Größe erreicht haben und sich eigentlich mit eigenen Mitteln versorgen könnten. Trotzdem bekommen diese Unternehmen jährlich weitere ungeheure Summen in den Rachen geworfen. Und ein großer, korrupter Teil unserer undestagsabgeordneten stimmen den von dieser Lobby vorbereiteten Gesetzen nach entsprechender Bestechung durch Parteispenden zu.“ – Wo man den letzten Satz Ihrer Meinung beweisen kann, würde unser Rechtssystem schon ausreichen, das zu bestrafen. Manches Mal wundert sich „Otto-Normalverbraucher“ aber über die Richtersprüche. Die Medien haben hier als Vierte Gewalt ein weites Feld zum Aufdecken vieler Ungereimtheiten. Auch bei uns im BAB konnte man schon Derartiges lesen.

Dr. Ralph Donath