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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010
Glückwünsche
Die Glückwünsche, die ich an den Tagen nach der Operation an meiner Bauchspeicheldrüse erhielt, kann ich getrost an das
Strausberger Ärzteteam um Dr. Reiche weiterreichen. Mit sichereren Händen und einer gehörigen Portion Erfahrung stellten sie sich
der Aufgabe, nicht nur den bösartigen Tumor zu entfernen, der kurz vor dem Darmdurchbruch stand. Die Bauchspeicheldrüse
war bereits zu Teilen zerfallen, das Operationsgebiet infolge einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung hochgradig blutunterlaufen.
Nebenher wurde auch noch der Wurmfortsatz des Blinddarms entfernt und ein Nabelbruch repariert. So wurde aus geplanten
5 Stunden ein 6-1/2-stündiger Eingriff.
Auch die Tage auf der Intensivstation kümmerten sich die dort wirkenden Schwestern und Pfleger in rührender Weise um
mich (und natürlich die anderen Patienten). Meinem Bettnachbarn wurde sogar ein einst von einem Patienten übereignetes Fernsehgerät
bereitgestellt, damit er die aktuelle Folge seiner geliebten Serie nicht versäume. Ich durfte meinen Laptop in Betrieb nehmen.
An jedem Tag und zu jeder Zeit war Besuch erlaubt. Die Ärzte konnten am Nachmittag ohne Anmeldung von den Angehörigen
in jeder Weise befragt und durch sie aufgeklärt werden. In vorbildlicher Weise trug das zur schnellen Wiederherstellung der Körperfunktionen
und zur Genesung bei.
Natürlich waren meine gymnastischen und Atem-Übungen förderlich, die ich so oft als möglich absolvierte. Wobei es schon ungewöhnlich war, dass ein
Patient auf der Intensiv-Station nachts um 3 Uhr Beckenboden- und Klimmzugaktionen für sich machte. Kurz und gut: bereits Freitagmittag – vier Tage
nach der lebensrettenden Operation – durfte ich von der Intensiv- zur Chirurgischen Station in weitere fürsorgende Hände Glückwünsche umziehen. Natürlich auf meinen
zwei Beinen und nicht auf dem Bett fahrend …
Hier wurde mir erst richtig klar, welche Aufgabe auf mich nun zukam: Ich hatte Insulin zu spritzen, den Blutzucker meines Körpers zu stabilisieren
und meine Verdauungsfunktionen wieder zu normalisieren. Ich konnte mich wie bei einem Baby darüber freuen, als der erste nicht durch einen Einlauf
bewirkte Stuhlgang kam. Und dankend meldete ich mich für den Wochenlehrgang für Diabetiker an. Bald geht es nach Hause und zur Reha-Kur. Auch die Strapazen
einer Chemotherapie werde ich durchleben. Aber ich saß ganz vorn auf der Schippe und nun geht’s wieder den Weg ins Leben.
Sicherlich haben Sie sich, liebe Leserin, liebe Leser, gefragt, weshalb ich so persönliche Dinge schrieb: Krankheit und Tod sind
bei uns mit einem Tabu belegt. Dabei kommen Hunderttausende mit Krebs und jeder mit dem Ende des Lebens in Berührung. Ich habe erlebt, welche Spannung vor der
Operation von mir wich, als ich Patientenverfügung, Vollmacht und handschriftliches Berliner Testament zu Papier gebracht hatte. Wie viel Leid könnte gelindert
werden, wenn alle Menschen das von sich sagen könnten …
Dr. Ralph Donath