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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010
Geschichtslücke
Als ich mein Krankenhauszimmer ein paar Tage mit Hans Stephan aus Kagel teilte (Foto), erfuhr ich von einer spannenden
Lebensgeschichte. Und füllte eine mir bis dahin völlig unbekannte Geschichtslücke. Hans bemerkte nebenher, dass er ein paar Jahre im Gefängnis zugebracht hätte. Er sei auf 25 Jahre verurteilt worden. Erst im Dezember 1955 sei er aus dem Straflager wieder nach Hause gekommen.
Ich war geschockt: Hans war im März 1931 geboren, hätte mein Vater sein können, wenn er mich mit 19 Jahren gezeugt hätte. Zum Kriegsende war er doch erst 14. Wie sollte er nach Sibirien kommen und mit den letzten Kriegsgefangenen erst wieder zurückkehren?
Hans erzählte mir die ganze Geschichte: Der Kageler Friseur hatte ihn und weitere 10 Burschen gefragt, ob sie ein
paar Handzettel verteilen würde. Das Land sei ja nun geteilt. Gegen dieses Unrecht würden sich Leute sammeln und als Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit aktiv sein. Nun, Hans war damals politisch uninteressiert, aber wenn andere Jungs das auch taten, machte er eben mit.
Eines Tages hörte er, dass vier seiner Freunde verhaftet worden wären. Kurz darauf standen Polizisten auch vor seiner Haustür. Alle Elf – so stellte es sich später heraus – kamen nach Potsdam (das Ministerium für Staatssicherheit gab es noch nicht) und wurden von der Polizei an die sowjetische Justiz übergeben. Das Gericht kannte nur drei Strafbemessungen – zehn Jahre, 25 Jahre Haft oder Todesstrafe. Mit Eisenbahntransporten ging es etliche Tage Richtung Osten, bis sie schließlich
nördlich hinter dem Polarkreis in Workuta landeten.
Das Lager für politische Gefangene („Gulag“) in Workuta bestand vom 10. Mai 1938 bis mindestens 1960. Gleichzeitig
waren bis zu 73.000 Personen inhaftiert, darunter auch Kriegsgefangene und politische Häftlinge aus Deutschland, von
denen tausende ums Leben kamen. In der Zeit seines Bestehens wurden bis zu zwei Millionen Gefangene nach Workuta deportiert
und zur Arbeit gezwungen. Die Häftlinge wurden bei der Kohleförderung und im Grubenbau eingesetzt. Die Mehrzahl kam aus allen Sowjetrepubliken. Für viele war die „Befreiung“ aus einem deutschen KZ nur der Beginn eines noch fürchterlichen Lebens als Vaterlandsverräter. Sie hatten sich ergeben und nicht bis zum letzten Blutstropfen gekämpft …
Erst als Stalin gestorben war, wurden sie abends nicht mehr eingeschlossen und durften fortan sogar Postkarten in die Heimat schreiben und Post von dort erhalten. Im Sommer 1953, kurz nach Stalins Tod, kam es unter den Lagerinsassen zu einem Aufstand, der nach kurzzeitigen Erfolgen blutig niedergeschlagen wurde.
Als Nahrung gab es tagaus tagein Brot und Kascha (Buchweizengrütze). Als ich seinen lädierten Mittelfinger gesehen hatte, hatte ich das als Berufsunfall des Tischlers verbucht. Hans verlor das oberste Glied jedoch unter Tage. Während eines Tages wieder der Stollen einstürzte, durchtrennte ein Stück Holz den Finger. Wieder oben, „operierten“ zwei Mitgefangene
– ein lettischer Pfarrer und ein Wiener Rechtanwalt – die Wunde. Sie trennten das Glied endgültig ab und nähten mit einem
Hautlappen eine Kappe über den verbliebenen Teil. Natürlich ohne Narkose und Desinfektionsmittel. Ein Wunder, dass er das überlebte. Da auch sein Knie heftig lädiert wurde, war er lange Zeit nicht arbeitsfähig. So schloss er sich den Arbeitsverweigerern an, die sogar einen Hungerstreik unternahmen. Eines Tages wurde ein weiterer Abtransport zusammengestellt, der ihn weiter südlich in ein anderes Straflager verbrachte. In einer Zwischenstation mussten sie mit
Ratten um ihr Brot kämpfen. Nach fast fünf Jahren endete diese Odyssee. Adenauers Verdienst war es, dass nach seinem Besuch
1955 in Moskau auch die letzten deutschen Kriegsgefangenen und politischen Häftlinge freigelassen wurden.
Von Frankfurt bis Kagel nahm sie ein Polizeiauto mit. Am nächsten Vormittag kontrollierten dieselben Leute, ob
sie nicht gleich in den Westen weitergereist wären. Doch Hans blieb in seinem Heimatort, fand dort sogar letztlich seine Arbeitsstelle bei einem Tischler. Von den elf „Mittätern“ seien heute nur noch drei am Leben. Einer, der im Westen eine neue Heimat finden wollte, starb an einem Bahnübergang, als er den Zug nicht kommen sah. Ein anderer verkraftete nach der Wiedervereinigung eine Busrundreise in die ehemalige DDR nicht …
Hans Stephan verlor nie den Lebensmut. Für ihn sind die fünf Jahre Straflager lediglich Teil seines Lebenslaufes, den er nicht ausblenden will. Möge er noch viele Jahre seinen Lebensabend genießen können.
Für mich ist es schlimm, dass diese Lebensläufe zu DDR-Zeiten nicht bekannt gemacht wurden. Vom „Großen Bruder“ sollte halt eine Vorbildwirkung ausgehen ... Heute haben wir ja andere Vorbilder …
Dr. Ralph Donath