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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

Die Leistung der Golf-Ikone Tiger Woods

Tiger Woods hat sich Ende Februar bei seiner Frau, Familie, seinen Sponsoren, Kollegen und Fans in einer fast weltweit übertragenen knapp 15-minütigen Fernsehansprache entschuldigt: „Ich war untreu, ich hatte Affären, ich habe betrogen!“

Seit 1997 dominierte er im Profigolf. Aus dem Monster „Golfer Tiger Woods“ war das Monster „Sittenstrolch Tiger Woods“ geworden.

Seine Ehe hat er damit nicht gerettet. Als reichster Berufssportler (über eine Milliarde Dollar) wird er auch nach allen Unterhaltsverpflichtungen wohl kaum am Hungertuch nagen. Doch für viele Menschen hat er das Leben sehr viel ärmer gemacht.

Ich meine nicht in erster Linie die Fans, die die Einschaltquoten für Golfübertragungen nach unten stürzen ließen. Die Einschaltquoten von CBS und NBC verzeichneten in den vergangenen Jahren im Schnitt einen Anstieg um 111 Prozent, wenn Woods am Schlusstag eines Turniers um den Sieg mitspielte. Das Finale bei den US Open im Jahr 2008 schlug in seinen Quoten sogar das zeitgleich stattfi ndende Finale der amerikanischen Basketballliga NBA. Kein Wunder also, dass die Sender, die mit von der Partie sein wollten, Unsummen für die Übertragungsrechte bezahlten.

Auch seine Mitspieler müssen sich nun gefallen lassen, dass die Preisgelder für die Top-Turniere nach dem Tiger-Ausstieg derb nach unten pegeln. Verdienten 1996 nur neun Spieler mehr als eine Million Dollar Preisgeld, waren es 13 Jahre später mehr als 90. Das Preisgeld stieg seit damals von 65 auf 280 Millionen Dollar im Jahr 2009. Der Geldsegen verlockte viel mehr Spieler als früher und heizte den Verdrängungswettbewerb an.

Golf ist längst nicht mehr nur eine Sportangelegenheit. Mit Woods wurde es ein eigener Wirtschaftszweig mit der Werbeindustrie, den Herstellern von Golfausrüstung und der auf Golfplätze spezialisierten Bauindustrie als Mitspieler.

Tiger Woods wurde von Kindes beinen auf seine Karriere vorbereitet. Seine überragenden sportlichen Leistungen und sein seltenes Lächeln brachten eine enorme Vorbildwirkung auf. Eine ideale Werbe-Ikone.

Woods dominiert nicht allein auf dem Platz. Dank seiner charismatischen Persönlichkeit gilt er als Zugpferd für seine Zunft schlechthin. In keiner anderen Disziplin lässt sich das gewaltige Zuschauerinteresse so eindeutig auf einen Sportler zurückführen. Entsprechend groß ist auch die Bedeutung Woods‘ als Werbeträger für seine Sponsoren. Der Golfer soll 80 Prozent seines Einkommens mit Sponsorengeldern bestreiten – mit einem Jahresverdienst von zuletzt knapp 100 Millionen Dollar. Zwei Wirtschaftswissenschaftler der Universität von Kalifornien haben hochgerechnet, dass Woods durch seine Affären zwischen fünf und zwölf Milliarden Dollar an Börsenwerten der Sponsoren vernichtet haben soll.

Nach einer Innofact-Umfrage spielen gerade Faktoren wie Glaubwürdigkeit, Sympathiewerte und Unverbrauchtheit eine große Rolle bei der Auswahl eines Prominenten für das Marketing. Fällt der Sportler, TV- oder Kinostar durch Affären auf, werden die wichtigsten Werbeziele – Markenstärkung, Kundengewinnung, Imageverbesserung – verfehlt.

Und nun? Kurz vor dem Jahreswechsel kündigte die größte amerikanische Telefongesellschaft (AT & T) Medienangaben zufolge ihren Werbevertrag mit dem 34-Jährigen. Wegen der Sex-Affären des Sportlers waren zuvor bereits das Beratungsunternehmen Accenture und der Rasiererhersteller Gillette als langjährige Sponsoren abgesprungen. Der Schweizer Luxusuhrenhersteller TAG Heuer will Woods’ Foto vorläufig nicht mehr bei Werbekampagnen in den USA verwenden. So wird offenbar, wie sich der Wert der „Werbe-Leistung“ eines Menschen reguliert – am Markt.

Inzwischen ist Tiger Woods (mit katastrophalen Spielergebnissen) wieder auf der Golf-Bühne aufgetaucht. Er trainiert noch verbissener als früher. Ob er zu seiner alten Form zurückkehren wird, kann keiner voraussagen.

Für mich ist Tiger Woods ein Beispiel dafür, dass die Bewertung der Leistung eines Menschen tatsächlich weit über alle Vorstellungskraft hinausgehen kann – und nochmals: Getroffen wird die Bewertung am Markt, wie das schon zu Sklavenhalterzeiten war. Sie geht aus vom Nutzen, den diese „Ware Arbeitskraft“ dem Käufer bringt. Gleiches gilt für Manager, Fach- oder Hilfsarbeiter. Manchmal sind auch Nieten darunter ...

Dr. Ralph Donath