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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

Pflastermüde

Wenn ein Filmregisseur mittelalterliche Stimmung erzeugen will, lässt er eine Kutsche über das Kopfsteinpflaster einer menschenleeren, engen Gasse rattern. Am besten mit Echo und Hall. Abgesehen davon, dass zu jener Zeit die meisten Straßen gar nicht gepfl astert waren – die Anwohner wären sicher ihres Schlafes beraubt. Doch dieser Schauer ist ja im Film bezweckt. Im nächtlichen Altstadt-Strausberg geht es den Anwohnern nicht viel anders. Das von den Stadtvätern gewollte Kopfsteinpflaster, das ja die Kulisse für eine verkehrsfreie Fußgängerzone werden sollte, ist alles andere als pflüsterleise – auch bei Schrittgeschwindigkeit.

Nachdem die praktischerweise auch als Straßenbahnschienengrab genutzte und als Geschwindigkeitsbremse untaugliche Pflasterung wohl kaum durch Flüsterbelag ersetzt werden wird, scheint es die Pflasterfans trotzdem nicht von der Erweiterung der nostalgischen Zonen abzuhalten. Inzwischen wurde der neu gestaltete Marktplatz, den man als solchen wohl kaum nutzen wird, zum Stein des Anstoßes.

Jüngste Entwicklung: Auch die Müncheberger Straße soll nun gepflastert werden. Wohl gab es bisher einen leisen Wiederstand gegen dieses Vorhaben, doch dieser wird wohl nicht zum Umdenken führen. Während andere Gemeinden an den ererbten Kleinpflasterstraßen (z. B. Rüdersdorf) zwecks Lärmschutz 30-km/h-Schilder aufgestellt haben, führt Strausberg das Pflaster wieder ein! Die Anwohner werden sich dafür bedanken.

Vielleicht kommt ja auch unerwartet noch ein Sinneswandel, wenn die Anwohner der Wriezener Straße den Vorher-Nachher-Effekt ihres neuen Asphalt-Straßenbelages beschreiben. Vielleicht werden ja die Vorzüge und Nachteile der Pflasterung offen gelegt und abgewogen. Möglicherweise denken Leute wie ich ja auch falsch. Aber die lassen sich nur durch überzeugende Argumente von ihrer Meinung abbringen ...

Dr. Ralph Donath