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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010
Angststörungen
Die Geschichte der Veränderungen der natürlichen Umwelt durch den Menschen ist so alt wie die Geschichte der
Menschheit. Mit der Entwicklung der Produktivität hat sie allerdings immer umfangreichere Auswirkungen erfahren.
Im Unterschied zu den letzten 1000 oder 2000 Jahren leben wir gegenwärtig nicht mehr in einer religiös geprägten Welt. Traditionelle Werte wie Familienverband, Dorf- und Stammestradition oder ständische Einbindung sind abhanden gekommen. Wir haben auf eine Lebensweise mit relativ wenigen langzeitigen Bindungen verzichtet.
Wir haben eine individualistische Lebensweise angenommen. Wir streben ein Leben an, das uns mehr Freiheiten verspricht, eine Vielfalt von sozialen Beziehungen oder fast unbegrenzte Mobilität durch technische Entwicklungen. Das
bringt aber Einschränkungen mit sich, da die versprochene Freiheit in unserer Massengesellschaft auf Grenzen stößt.
Wurde früher das Jüngste Gericht gefürchtet, wurden Weltuntergänge beschworen, geht es heute um den katastrophalen
Abschluss einer nicht aufhaltbaren Entwicklung, deren Ursprung in der Natur des „entfesselten“ Menschen liege.
Zwar wurden früher Seuchen und Naturkatastrophen bezüglich ihrer Ursachen und Verbreitung oft falsch interpretiert.
Die Gefahren von Seiten der Natur waren aber dennoch für den einzelnen klarer definiert als heute. Eine Überschwemmung,
ein Erdbeben, eine Dürrezeit, wilde Tiere – jeder konnte darüber urteilen und wusste, wovor er sich zu fürchten hatte.
Demgegenüber sind wir heute bei Bestimmung der meisten umweltbedingten Schäden auf Handwerkszeug und Urteil von
Experten angewiesen, auf die Klimaforscher, auf die Toxikologen, auf die Physiologen, auf die Atomphysiker. Dass die Sinne
untauglich für die Wahrnehmung der Gefahren werden und wir auf die Aussagen von Experten angewiesen sind, macht die Beurteilung der Bedrohung durch die Umwelt so komplex. Der Verlust des Gefühls für die natürlichen Zusammenhänge hat bei vielen Menschen eine Angst vor dem Chaos aufkommen lassen. Die sogenannte Umwelthysterie kann auch als Symptom der Entfremdung verstanden werden.
Die Gefahren der Radioaktivität, das Waldsterben, der Schwund der Ozonschicht oder der Rinderwahnsinn: Jeder dieser
Tatbestände, denen man noch weitere zuordnen könnte, schlug jeweils aktuell über die Medien hohe Wellen, lockte dann später
aber immer weniger Menschen in die Diskussion.
In ihrer Macht- und Hilflosigkeit gegenüber globalen Veränderungen (an denen zwar jeder einzelne beteiligt ist, wenn auch nur zu einem minimalen Anteil) lassen sich die Menschen zwar nicht durch das globale Umweltgeschehen beeindrucken, das für sie viel zu weitab und unkonkret passiert. Sie bringt viele jedoch dazu – bei entsprechender Anfälligkeit für die
Ausbildung von Krankheiten – die direkt vor Ort auftretenden Gefahren zu beobachten und zu fürchten, z. B. die Ausdünstung von Holzschutzmitteln, das Wohngiftsyndrom, das Quecksilber aus den Amalgamplomben, die Amalgamphobie, besser Amalgamhypochondrie, oder den Elektrosmog, natürlich auch die unzähligen Chemikalien, welche die Mikroallergien oder das
„total allergy syndrome“ verursachen sollen.
Hier stellt sich die Frage, weshalb zahlreiche schwer objektivierbare Stoffe im Umweltbereich des Menschen beispielsweise zum MCS führten, dem Multiple Chemical Sensitivity Syndrome, einer übersensiblen Reaktion auf unterschiedlichste chemische Stoffe mit vielfältigen Symptomen, auch die Vielfach-Chemikalien-Unverträglichkeit genannt.
Die in Frage stehenden Substanzen werden von der übrigen Bevölkerung problemlos toleriert. Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass die Mehrzahl der Träger dieses Syndroms psychische Störungen, beispielsweise aufgrund
problematischer mitmenschlicher Beziehungen, aufweist. Sicher aber ist, dass in vielen Fällen das Phänomen der Toxikopie auftritt, also der Kopie der erwarteten Vergiftung. In zahlreichen Experimenten hat man diese negative Plazebowirkung nachgewiesen. Die auftretenden Symptome sind eher allgemein wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Benommenheit, Schwäche, Schläfrigkeit, Reizung der Atemwege, kalte Hände und Füße.
Die bedeutendsten Gesundheitsrisiken in unserer Gesellschaft sind Rauchen, Alkohol, Überernährung und – mit
beträchtlichem Abstand – illegale Drogen. Hinzu kommt ein hohes Verletzungsrisiko im Straßenverkehr, und in bestimmten
Altersgruppen, so bei männlichen jüngeren Personen, auch ein hohes Todesfallrisiko.
Es verwundert, dass diese Risiken, die auf die Gesamtbevölkerung zu einer eindeutigen Verkürzung der Lebenserwartung
führen, bei Entstehung von Angststörungen so gut wie keine Rolle spielen.
Offensichtlich werden freiwillig eingegangene selbst gesteuerte Gefahrenpotenziale einschließlich riskanter Sportformen, wie Motorradrennen oder Fallschirmspringen, dann nicht als Angst erzeugend angesehen, wenn sie auf
einem eigenen Entschluss beruhen.
So wird auch beispielsweise in vielen Betrieben berufliche Gefährdung von den Betroffenen durchaus toleriert und gefährliche Stoffe werden von den direkt beteiligten Arbeitern sogar verharmlost.
Wenn aber das betreffende Individuum sich passiv ausgesetzt fühlt, sich als erleidendes Objekt erlebt ohne Möglichkeit
zu aktiver Gegenwehr, dann kann eine Angstdisposition zu manifesten Angstreaktionen führen.
Beim Abbau dieser Ängste sind alle Fachleute gefragt. Wichtig ist die Einstellung gegenüber der ökologischen Problematik: Die einen verharmlosen und stehen auf dem Standpunkt, dass die Umweltgefahren herbeigeredet werden, die
anderen sind umweltüberbesorgt und überdiagnostizieren. Entsprechend unterschiedliche, manchmal verwirrende Reaktionen finden
z. B. die Hilfe suchenden Patienten in der Ärzteschaft.
Welche große Verantwortung kommt hier übrigens den Medien (überregional und regional/lokal) zu! Erreichen sie doch
einen Großteil der Bevölkerung und können mit sachlicher Darstellung das heute bekannte Wissen vermitteln, statt verfälschte und aus dem Zusammenhang gerissene Skandalmeldungen zu produzieren.
Dr. Ralph Donath