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Das BAB-Archiv: Die Kolumnen 2010

Kaputtspar-System

Wie schön: Wir werden älter als unsere Elterngeneration. Viel älter. Und wir wollen diese Zeit genießen – möglichst gesund und leistungsfähig. Uns steht eines der leistungsfähigsten Gesundheitswesen der Welt zur Verfügung. Basierend auf dem Solidaritätsprinzip soll es allen, die es brauchen, das Maximum bieten.

So weit, so schön. Wenn es da nicht ein paar Fehlkalkulationen gäbe.

Das fängt schon bei der Trennung zwischen Kranken-(pardon: Gesundheits-)kassen und Pflegekassen an. Bekanntlich – und das ist wissenschaftlich abgesichert – gilt der Grundsatz „Vorbeugen ist besser als Heilen“. Im Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP steht, Prävention habe Vorrang vor Rehabilitation. Dem bisher nicht ausreichend umgesetzten Grundsatz „Rehabilitation vor Pflege“ müsse besser Rechnung getragen werden.

Gegenwärtig sehen die Krankenkassen ihre Patienten aber lieber im Krankenhaus (mit Aussicht auf eine Pflegestufe) als bei einer Rehabilitationskur.

Solange nicht ein Finanzausgleich zwischen gesetzlicher Kranken- und sozialer Pflegeversicherung die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit für die Krankenkassen attraktiv macht, werden weiter wertvolle Ressourcen nicht genutzt und die Lebensqualität vieler Menschen aus Sparsamkeitsgründen verschlechtert.

Ein großer Ausgabenposten ist und bleibt der für Arzneimittel. Im Vergleich zu 2008 hatten die gesetzlichen Kassen 5,3 Prozent mehr für Arzneien und Impfstoffe zu zahlen. Hausärzte verzeichneten dabei ein Plus von 1,5 %, Fachärzte + 12,9 %. Das Wachstum bei Arzneimittelausgaben kommt hauptsächlich aus der Verordnung therapeutischer Neuentwicklungen bei Fachärzten.

Die neue Regierung muss im Gesundheitsfonds ein Loch von 7,5 Milliarden Euro stopfen. Sparen will sie auch bei den Arzneimittelausgaben.

3,4 Milliarden könnten die gesetzlichen Kassen laut Arzneiverordnungsreport jährlich an Medikamenten sparen. Dafür müssten Ärzte teilweise auf die Verschreibung teurer patentrechtlich geschützter Medikamente verzichten. Stattdessen müssten sie mehr Generika verordnen. Die neue Koalition denkt auch darüber nach, forschende Pharmafirmen zu belasten, wenn beispielsweise ein neues Präparat nicht die gewünschte Wirkung zeigt.

Was die Verordnung von Generika (Arzneimittel, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist) betrifft, hat sich eine neue Situation am Markt eingestellt. Die Kassen bestimmen letztendlich zur Zeit per Rabattvertrag, welches Medikament der Versicherte erhält.

Mit Therapiefreiheit des Arztes hat das nichts mehr zu tun. Der Generikaanteil am Rabattgesamtvolumen beträgt inzwischen 96,4 Prozent. Der auf patentgeschützte Arzneimittel nur 0,7 Prozent.

Auf dem Gererikamarkt hat sich ein ruinöser Unterbietungswettbewerb eingestellt. Das gefährdet Arbeitsplätze, Industriestrukturen und Qualität. Am Ende führt das dazu, dass Generikahersteller von den großen Pharma-firmen aufgekauft werden und als deren Konkurrenten vom Markt verschwinden. Eine gute Aussicht, sich durch das Patentrecht gedeckte, schier grenzenlose Profite zu sichern. Immerhin beträgt die jährliche Nettowertschöpfung in der pharmazeutischen Industrie in Deutschland je Beschäftigten 101.500 Euro (Bauwirtschaft 41.800 Euro).

Dr. Ralph Donath